Amisch-Leben in Europa? Was ist mit dem Glauben?

  • Hallo!


    Es wird viel diskutiert in diesem Forum, ob ein Leben wie das der Amish in Deutschland (bzw. in meinem Fall in Österreich) möglich wäre. Alles mögliche, warum das nicht geht, wird angeführt, allerdings habe ich beinahe in keinem Beitrag das gefunden, worum es den Amish bei ihrer Lebensweise wirklich geht. Die Amish leben ja eigentlich nur aus einem Grund so (ohne Strom und mit wenig Komfort, nahezu totale Selbstversorger im Einklang mit der Natur...): weil dies ihr Glaube ist. Im Prinzip haben sie ihre Lebensweise ja nicht direkt gewählt: ihre Religiösität, ihr Glaube an Gott hat sie dazu gebracht.
    Zudem darf man das Amish-Leben auch nicht Schönfärben. Deren Leben ist sicherlich reich an innerem Frieden, aber das kommt nicht zwangsweise von ihrer Lebensart, als vielmehr vom tiefen Glauben.
    Wir betreiben zuhause eine Landwirtschaft, versorgen uns eigentlich zum Großteil auch selbst, worum wir oft sehr beneidet werden. Wieviel Arbeit dahinter steckt, das wird oft gar nicht gesehen, oder wenn doch, dann verklärt: "oh wie romantisch, ihr habt eure eigene Milch, und sogar das Gemüse ist selbst gezogen...". Ich mag unser Leben, so wie es ist, aber wenn ich daran denke, wieviel mehr Anstrengung noch nötig wäre, würden wir das alles ohne technische Hilfsmittel und Elektrizität machen - nur sehr schwer vorstellbar für mich.


    Joeli


    Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.

  • Hallo Joeli,


    deine Ausführungen kann ich nachvollziehen, denn ein landwirtschaftsfernes Betrachten eines idyllischen Lebensstils verkennt, was alles dahinter steht.
    Nur leider ist es, wie auch an anderen Stellen des Forum schon beschrieben, nicht nur so, dass der Glaube die Amischen zu ihrem Lebensstil drängt.
    Einige Beispiele:
    Es gibt z.B. eine starke Neigung zum Legalismus unter den Amischen, d.h. sich den Glauben durch Werke zu verdienen. In diese Gefahr gerät jede Kirche, indem sie Äußerliches derartig stark betont, dass sie nicht mehr auf das Innerliche, was dahinter stehen sollte und oftmals verloren geht, achtet. Die Ordnung der Amischen enthält seit einigen Jahrzehnten einen immer mehr wachsenden Anteil an Verboten, die die materielle Welt betreffen.
    Es gibt auch einfache Reaktionen auf Veränderungen in der Außenwelt durch die Amischen, die als Gefahr für ein patriarchalisches System angesehen wurden und werden, z.B. hinsichtlich der Frauenmitsprache in nichtkirchlichen Bereichen... Im privaten Bereich sind Frauen noch immer stark eingeschränkt, was sich allerdings durch ihre steigende berufliche Tätigkeit langsam verändert.
    Ich denke, besonders hier im Forum greift es manchmal immer wieder um sich, dass die Amischen als christliche Gemeinde idealisiert werden, die etwas anscheinend hat, was wir verloren. Dieses ist aber eigentlich eher die Suche nach einem "Wonderland", wo noch die heile Welt herrscht, denn die Geschichte der Amischen ist durchgängig mit interen Zwistigkeiten gekennzeichnet, die in Spaltungen ausliefen. Die Betrachtung als Idealgemeinde verkennt zudem, dass die Amischen ihr System auch durch MIttel aufrechterhalten, die wir nicht mehr akzeptieren würden, sollten, und unmöglich fänden: Gemeindezucht mit allen sozialen Folgen, Bildungsfeindlichkeit in vielen Bereichen, Negieren wissenschaftlicher Erkenntnisse, Berufsverbote, Außenkontaktverbote, Familienstrukturen und deren Aufrechterhaltung, die Frage der Meidung wegen Nichteinhaltens technischer Restriktionen, die die Gemeinde als quasi Gottes Vertreterschaft in den Bereich des Sakralen hebt...
    Die Folge aus ihrem Lebensstil, ihrer Ansicht von der Lebensführung und dem Durchsetzen dieses Stils, sind für viele Amische nicht nur, dass sie ein Gefühl des inneren Friedens haben, sondern eben auch starke psychische Belastungen. Z.B. ist die Verschreibungsrate unter Amischen von Psychopharmaka sehr hoch, dieses konnte ich selbst bei einem Doktor, der dies in einem Interview sagte, nachprüfen. In 2003 schrieb die Zeitung "Lancaster New Era" zudem eine Artikelserie über den wachsenden Bedarf unter Amischen und Old Order Mennonites nach dem "counselling", dem Eheberater. Dieses sind nur wenige der Bereiche, die das Bild der heilen Welt nicht mehr aufrechterhalten lassen.
    Die Artikelserie in "Lancaster New Era" wollte zum Nachdenken anregen, erregte aber Unmut bei einigen mir Bekannten. Letztlich ging es in ihr aber darum, dass bei Eheproblemen innerhalb der Amischen, die Frauen, wenn sie um Hilfe bei den Dienern der Gemeinde bitten, lediglich zu hören bekommen, dass sie sich entweder nicht genug unter das Haupt des Hauses(dem Manne) gestellt hätten, dass sie gehorsamer sein sollten, ihm mehr gehorchen sollten etc. Dies löst natürlich keine Probleme, ließ lediglcih die Frauen als Schuldige übrig, während sich der Hausherr weiter daneben benehmen könnte und niemals sein Tun hinterfragen müsste. So wurden und werden immer mehr professionelle Eheberater aufgesucht(wobei man deren Intentionen auch hinterfragen kann), weil man innerhalb der Gemeinde durch die Herrschaft der Männer nicht aufs Zuhören vertrauen kann...
    Der amische Glaube engt viele zudem ein, denn es ist z.B. verpönt, teilweise sogar verboten, die Bibel in einer Art Hauskreis regelmäßig zu studieren, sie gezielt zu erforschen, weil dies angeblich das Amt des Predigers schwächen würde, letztlich wohl eher die Macht. In dieser Hinsicht sind altkatholische Relikte noch immer in Nachfolgemeinden des Täufertums vorhanden, dass quasi eine ordinierte Schicht dem Stand einer allein zum Auslegen priviligierten Schicht gleichkäme, die Laienschaft aber ziemlich unmündig bleiben sollte. Das entfernt sich wiederum vom protestantischen Prinzip, dass jeder die Schrift studieren soll und es ein "Priestertum aller Gläubigen" gebe. Das frühe Täufertum hielt indessen noch stark an diesem Prinzip fest.
    Amische, die also die Schrift studieren wollen, geraten in Gefahr als evangelistisch, als "Sunndaagschüler" verschrien zu werden, obwohl sie nichts Bibelfremdes tun. Dieses könnte man fortsetzen.
    Um es kurz zu machen: Bitte Vorsicht, die Amischen zu stark zu verherrlichen, als ein Ideal zu sehen. Es gibt auch bei ihnen viel Bedenkliches!

  • Hallo!
    Meiner Meinung nach sind die Amish eben auch Menschen, wie alle anderen. Und in jeder Gemeinschaft (auch Amish) geht es oft hauptsächtlich um die Frage der Macht. Wer übt sie aus? Was muss verboten/ erlaubt werden, um diese Macht zu erhalten?
    Das Amish-Leben ist in vielerlei Hinsicht durchaus nachahmenswert, aber, und darin bin ich voll und ganz Deiner Meinung: man sollte die Amish und ihre Lebensweise nicht verherrlichen, sondern ihnen genauso Schwächen und Fehler zugestehen, wie uns "Normalen" (in unserem Sinn normal).


    LG,
    Joeli