Technikverzicht und Glauben

  • Was meint ihr: Könnte es sein, dass das „einfache Leben“, also der Verzicht auf Elektrizität und moderne Technik den Amish hilft, ihren Glauben zu bewahren? Oder umgekehrt gefragt: Könnte es sein, dass die moderne Technik, unser so offensichtliches Beherrschen der Naturkräfte es dem heutigen (westlichen) Menschen zunehmend schwerer macht, an Gott und an Gottes Allmacht zu glauben?

  • Es ist ein Irrtum zu glauben Amische verzichten auf moderne Technik.


    Sieh Dir alleine für die Pferdearbeit an was auf den Horse Progress Days vorgestellt wird - modernste Technik vom Feinsten.


    Alle Beschränkungen - vom Verzicht auf einen Stromanschluss über Kleidervorschriften bis zum Buggy statt Auto - dienen einem Zweck:

    Der Separierung von der Welt und der Minimierung ihrer Einflüsse

    Wie man an meinen Beiträgen erkennt, ich bin AfD nahe. Gläubig ist nur, wer so denkt wie ich! Euer Bruderdof

  • Alle Beschränkungen - vom Verzicht auf einen Stromanschluss über Kleidervorschriften bis zum Buggy statt Auto - dienen einem Zweck:

    Der Separierung von der Welt und der Minimierung ihrer Einflüsse

    Ist das deine Meinung, oder gibt es von den Amish selbst dazu (quasi theologische) Aussagen?

  • Wäre es nur um Absonderung gegangen, dann wäre ein klösterliches Leben die „effektivere“ Weise gewesen, sich von der Welt abzusondern. Und die Kleidung der Amish unterscheidet sich nicht so stark von der allgemein üblichen Kleidung des 19. Jahrhunderts; auch die Benutzung von Pferden und Kutschen war damals allgemein üblich. Nur einige Elemente, etwa die die Barttracht, waren Zeichen der Zugehörigkeit zur Amish-Gemeinschaft.


    Mich interessiert aber vor allem die Frage der Benutzung der Elektrizität und elektrischer Maschinen. Wenn man es einmal naiv betrachtet, dann ist Elektrizität ja so etwas wie Zauberkraft: Dinge bewegen sich anscheinend von selbst und verrichten, wie hilfreiche Geister, Arbeit für uns. Elektrizität kann man nicht sehen, außer im Blitz – und Blitze sind etwas, das ursprünglich nur Göttern zu Gebote stand (man denke an den Blitze schleudernden Zeus).


    Der Bau und die Benutzung von Maschinen überhaupt (die Amish nutzen ja auch keine Dampfmaschinen oder Verbrennungsmotoren) vergrößert die Macht des Menschen beträchtlich, und es ist kein Wunder, wenn er sich als Schöpfer und Naturbeherrscher – also gottähnlich – fühlt.

  • Willkommen im Forum, lieber Torsten!


    Es ist nicht ausgeschlossen, dass einzelne Old Order Leute so ähnlich denken, doch sie werden es uns wohl nicht mitteilen. Du fragst nach theologischen Aussagen zur Verwendung von modernen Technologien. Subjekt solcher Aussagen wäre der Konsens jeder einzelnen Gemeinde. Zweimal pro Jahr wird die Gemeindeordnung bestätigt, oder abgewandelt. Beides muss einstimmig geschehen. Was vor einem halben Jahr galt, kann bei Deinem nächsten Besuch etwas anders aussehen. Jedes Mal reibe ich mir die Augen: neues Bad, neue Küche, neue Poloshirts. Dinge, die davor undenkbar waren.


    Entgegen Deiner Vermutung waren Dampfmaschinen und sind Dieselmotoren schon lange auf Farmen und in Werkstätten im Einsatz: "By the late 1880s large steam engines operated threshing machines on many Lancaster County farms. Small gasoline engines were widely used by the turn of the twentieth century to saw wood, grind feed, pump water, and power washing machines. Like their neighbors, the Amish owned and operated steam and gasoline engines and used horses to pull machinery in their fields." (Donald Kraybill, The Riddle of Amish Culture, S. 222)


    Gegen Verbrennungsmotoren haben sie gar nichts, und bevorzugte Motorenmarke ist eine Japanische. Spätestens wenn eine Maschine repariert werden muss, ist es mit dem "Zauber" vorbei und dann sind technisches Verständnis und Erfahrung gefragt. Bei Shows werden manchmal noch Dampf-Lokomobile vorgeführt. Doch der derzeitige Trend geht zu Solar-Energie.

    Edited 2 times, last by gisela ().

  • Gisela hat schon kundigst erklärt wie weit der technische Fortschritt geht..


    Aber was bitte sind denn hutterische Bruderhöfe anderes als Klöster??

    Natürlich geht es um Absonderung!

    Warum hat der Schneider seine Leit' zu einem Leben auf Bauereien geführt, wenn damit nicht der Zweck erfüllt werden sollte, den Klöster erfüllen sollen?


    Und es ist recht so

    Seht euch das im Internet bekannte Beispiel der Amische aus Libby an, die Blockhäuser bauen.

    In einer Generation die Abkehr von der Welt aufgegeben und in einem spirituellen Chaos gelandet..

    Wie man an meinen Beiträgen erkennt, ich bin AfD nahe. Gläubig ist nur, wer so denkt wie ich! Euer Bruderdof

  • Die hutterische Gütergemeinschaft entstand, wenn auch nach „dem leer der propheten und apostel“, wie der Chronist Kaspar Braitmichel berichtet, aus einer Notsituation heraus. Es ging in gewisser Weise ums nackte Überleben. Es gab schon davor unterschiedliche Gruppen, die sich in einer Gütergemeinschaft übten, wie Mönchsorden. Es war eben schon immer ein Thema. Ich meine gelesen zu haben, dass Schriften des ehemaligen Franziskanermönchs Leo Schiermer beeinflussend für die ersten hutterische Gütergemeinschaft war. Auf jeden Fall ging es am Anfang nicht um die Art Absonderung wie der Vorredner meint. Diese bekräftigt erst Peter Riedemann in „Rechenschaft unserer Religion, Lehre und Glauben, von den Brüdern, so man uns die Huterischen nennt“. Mit der Bibel lässt sich die Form der Absonderung als Rückzug in eine eigene Welt nicht nur nicht begründen, im Gegenteil, wir sehen einen Jesus der unter die Leute ging, den es vom Land in die Stadt zog.


    Peter Riedemann korrespondierte bei der Absonderung mit dem vierten Schleitheimer Artikel. Die Schleitheimer Glaubensartikel wurden aus einer Situation heraus verfasst, die heute nicht mehr dieselbe ist wie zu ihrer Entstehung. Damals ging es notgedrungen zur Abgrenzung der Verfolger, der Obrigkeit und der päpstlichen und reformierten Kirche. Wir wissen heute, dass eine missbräuchlich angewandte Absonderungspraxis viel Leid und Verderben bringt. Es wäre deswegen töricht, sie eins zu eins ins Heute zu übernehmen.
    Denn Absonderung ist ein Begriff, der in Beziehung zur Umgebung steht und der sich ändert, sobald sich die Situation ändert. Als Orientierung gilt die Ethik des Reich Gottes.

    Ich erlaube mir die Zusammenfassung des vierten Schleitheimer Artikels nachstehend zu zitieren, damit das damalige Bestreben verständlicher wird:

    „So werden dann auch zweifellos die unchristlichen, ja teuflischen Waffen der Gewalt von uns fallen, als da sind Schwert, Harnisch und dergleichen und jede Anwendung davon, sei es für Freunde oder gegen die Feinde — kraft des Wortes Christi: Ihr sollt dem Übel nicht widerstehen (Matthäus 5,38 und 39)“.


    Absonderung nicht als Rückzug von der Welt, sondern indem man sich wie Jesus Christus verhält.