Besuch auf dem Bruderhof

  • Im Sommer war ich mit meiner Familie in Thüringen auf einen Bruderhof.

    Dem Besuch voran gingen einige emails, in denen nach unseren Beweggründen, einen Bruderhof besuchen zu wollen, gefragt wurde.

    Wir bekamen grünes Licht und eine gute Wegbeschreibung und waren etwas aufgeregt.


    Zur Ankunftszeit wurden wir sogleich auf einen Parkplatz gelost und freundlich begrüßt. Wir konnten ein sehr liebevoll vorbereitetes Gästezimmer beziehen und hatten ein eigenes Bad.


    Die Gemeinschaft umfasst nur ca. 30 Leute, welche hauptsächlich aus dem englischsprachigen Raum kommen und in Deutschland studieren, eine Ausbildung machen oder arbeiten. Also fast alles junge Menschen. Ein einziges Kind, ein zweijähriges Mädchen, lebt dort. Die Hauseltern haben 6 erwachsene Kinder und kommen aus den Staaten. Mit Ihnen und deren Sohn hatten wir den meisten Kontakt.

    Die Kinder spielten erstmal im Hof auf dem tollen Spielplatz, anschließend gab es das Abendessen (ohne Tische, im Stuhlkreis) und das SInging.

    Die Kinder wurden zu Bett gebracht und wir konnten im Wohnzimmer der Familie viel reden. Das war alles sehr interessant und wir wurden reich mit Literatur beschenkt (https://www.plough.com/de).

    Am nächsten Tag nach dem Frühstück fuhren wir schon wieder.


    Alle waren sehr freundlich zu uns und sehr geduldig. Unsere Kinder sprangen z.B. wild herum, verhielten sich beim Essen zwar angemessen, aber hatten nicht lange Sitzfleisch ;)

    Das Temperament unserer zwei sorgte für Staunen und Belustigung, hatte ich den Eindruck.

    Mit den jungen Studenten hatten wir wenig Kontakt, sie wirkten schüchtern und distanziert und das Abendessen verlief etwas verkrampft :)

    Gut, dass die Kinder dies auflockerten.

    Der Gesang war wunderschön, auch unsere Kinder liebten das sehr.


    Abends im Kreise der Hausherrfamilie war die Stimmung etwas gelöster und viele Fragen wurden uns beantwortet. Wir erfuhren Einiges über die Gepflogenheiten, Regeln und den Glauben der Gemeinschaft. Sehr spannend!


    Gerne würde ich mal wieder dorthin, vielleicht zu einem Fest oder so. Ich dachte auch, dass der Kontakt lose bestehen bleibt. Allerdings kam auf meine Dankesmail nie eine Antwort ...


    Ich bin dankbar, dass ich mit meiner Familie Zeit auf dem Bruderhof verbringen konnte!


    Wenke

  • Hallo Wenke,

    das hört sich an als wäre der anfänglichen Euphorie Ernüchterung gefolgt wäre.

    Ich war auf der Bruderhofseite und es schein in Deutschland nur zwei Brüderhöfe zu geben. Ihr müsst demnach in Bad Klosterlausnitz gewesen sein. 25 km von mir befindet sich der zweite Bruderhof aber bis jetzt hat es mich noch nicht dahin gezogen.

    Die Hutterer gehören ja auch zur Gemeinschaft der Täufer aber Ihr Vergemeinschaftung des Vermögens/Einkünfte hat mich bis jetzt abgeschreckt. Welche Erkenntnisse hast du denn bei deinem Besuch bekommen? Warum warst du nur einen Tag/Nacht da, wolltest du nicht oder durftest du nicht?

    Georg

  • Hallo Georg,

    naja, Ernüchterung ... das Erlebnis finde ich nach wie vor toll und bereichernd, dass keine Antwort mehr kam natürlich schade.

    Wer weiß, warum das so ist. ... ;)


    Länger zu bleiben war von deren Seite aus nicht gewünscht, das habe ich deutlich gespürt und war auch von vornherein klar und abgesprochen. Vielleicht sind wir einfach zu weltlich ... ;)

    Alle da haben zu tun, viel Arbeit, sicherlich auch aus diesem Grunde.


    Ja, die Vergemeinschaftung ist so eine Sache. Alle, die dort leben, sind auch so aufgewachsen, dann kennt man das ja nicht anders ... Im Grunde finde ich das toll. Jetzt, mit kleinen Kindern, wäre ich nicht bereit dafür ...

    Ich habe z.B. gefragt, wie das ist, wenn die jungen Leute, Teenager mal etwas haben möchten. Vieles fällt ja sowieso weg: Schmuck, Parfüm, Kleidung, Spielzeug, moderne Medien ... aber z.B. mal ne Haarspange oder ein Buch. Ich glaube, meine Frage wurde gar nicht richtig verstanden ;), weil der Gedanke allein so abwegig ist, für sich selbst etwas zu kaufen.

    Sie haben dann eine eigene Bibliothek, die erstmal kontaktiert wird, wenn das Buch dort nicht vorliegt, kann es bestellt werden. Allerdings halten sich die Bruderhöfer von bestimmten Themengebieten ja auch fern, Filme kommen gar nicht in Frage. In der Politik und gesellschaftlichen Themen fand ich sie recht bewandert (die New York Times lag da rum) und auch in der Musik, bildenden Kunst, ja, so eine Art bürgerliches Kulturgut. Diese Lieder, die sie singen ... das macht doch in Deutschland nahezu keine Familie mehr. (Wir singen zu Hause und kennen nur ganz wenige (Waldorf) Familien und christliche Familien, die das tun.

    Der Hausvater hat erzählt, wie das so abläuft, wenn er mit seiner Familie mal Eis essen gehen möchte. Das ist alles nicht selbstverständlich und kann in letzter Sekunde noch abgesagt werden, wenn das einzige Auto für etwas anderes gebraucht wird.

    Seine jüngsten Kinder, so 16/18 würden so gerne mal einen Film sehen, aber das wird (noch) unterbunden.

    Mit dem Sohn konnten wir am besten reden und auch lachen, er studiert an einer Uni, hat eine eigene Wohnung und kommt mehr "in die Welt" hinaus. Sein Haar war auch etwas länger gewachsen, nicht ganz so kurz rasiert, das war wahrscheinlich schon sehr rebellisch ;)

    Die Töchter wirkten neugierig und schüchtern in dem kurzen Zeitrum, in dem ich sie erlebte.

    Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob ich so leben könnte.


    Viele Aspekte der Gemeinschaft schätze ich so sehr und vermisse sie in unserer Gesellschaft. Aber mit kleinen Kindern kommt das nicht in Frage, da die Erziehung dort sehr streng ist. Zumindest kam es mir so vor, richtig kalt manchmal und absoluter Gehorsam und Stillsitzen wurde verlangt. War ja aber nur ein kurzer EInblick und es gab nur ein Kleinkind vor Ort.

    Und gerade Film, Theater, Konzerte ... würde ich sehr vermissen. Auch weltliche Bücher, Zeitschriften ...


    Ich bewundere die Menschen für ihr genügsames Leben, mag manches konservierte Kulturgut, die Schlichtheit, Jesus im Mittelpunkt, die Bildung, das Aussparen vieler Reize und Einflüsse ..

    Und: sie sind die einzige täuferische Gruppe in Deutschland.


    Irgendwann besuche ich hoffentlich mal Amische in den Staaten. Um mir ein Bild zu machen ... ein Kleines ...


    Wenke


    PS: Wäre gern beim Treffen gewesen, aber das wäre für die Kinder anstrengend gewesen, denke ich.

    Wie gesagt, vielleicht in einem Jahr in Berlin!!

  • Danke für den Erfahrungsbericht Traummaler  


    Auch bei Amischen und Mennoniten ist die Gütergemeinschaft nicht aus dem Blickwinkel, sich an Jesus und den Urgemeinden orientieren stellt sich diese Frage immer wieder. Das füreinander einstehen ist daher Ausdruck aller täuferischen Gemeinschaften, sie wird halt unterschiedlich ausgelebt.


    Ich erlaube mir Eberhard Arnold zu zitieren:

    Die Menschheit muß umkehren!

    Was nützen alle ihre Religionsübungen, was nützen alle ihre Gottesdienste, welchen Sinn haben alle frommen Gesänge, wenn der Wille Gottes nicht getan wird, wenn die Hände voll Blut sind?

    Was bedeutet alle Gläubigkeit, wenn an den Armen Ungerechtigkeit geübt wird, so alltäglich und selbstverständlich, wie man Wasser trinkt?

    Was ist das Bekennen des Göttlichen, wenn sich bei dem Sterben unzähliger Kinder und Armer kein einziger Finger rührt.



    Wenn ihr in Berlin lebt Traummaler warst Du und Deine Famillie schon Mal bei der Berliner Mennonitengemeinde? Da braucht es keine Anmeldung, Termine finden sich auf den Netzseite.

  • Nein, da waren wir noch nicht, das holen wir aber sicherlich noch nach. Allerdings sind das ja ganz moderne Mennoniten, habe auf der Homepage gelesen usw.

    Eine ganz moderne freikirchliche Gemeinde, keine kulturellen Mennoniten.


    Wenke

  • Entschuldigung Traummaler ich ging davon aus, wenn sich jemand für Täufer interessiert, dann aufgrund deren lebendigen und gelebten Glaubens. Von einer Jesus orientierter Friedenstheologie in der nachhaltig soziale, ökonomische, ökologische und politische Komponenten miteinander verknüpft sind — von einer fortdauernden Erneuerungsbewegung. Hätte ich gewußt, dass ihr hauptsächlich auf der Suche nach konservierter eingefrorener Kultur/Tratition seid, ich hätte anders geantwortet.

  • Ich war vor drei Jahren für ein Wochenende auf dem Bruderhof in Sannerz. Als Besucher wird man von den leitenden Leuten freundlich betreut, jedoch echten Kontakt zum Fußvolk zu bekommen war nicht möglich. Die Zeit ist mir sehr in Erinnerung geblieben, da es ein absoluter Kontrast zu dem "normalen" Leben ist.

    Persönlich suche ich langfristig eine christliche Lebensgemeinschaft im deutschsprachigen Raum,

    Wobei es sehr unterschiedliche Arten davon gibt. Wichtig sollte immer die Frage nach Gottes Willen für mein Leben sein. Frage ich nämlich nicht wirklich danach begleitet er mich auch auf dem von mir gewählten Weg, doch bleibt ein Großteil des möglichen Segens auf der Strecke.

    Solange meine 17jährige Tochter noch bei mir lebt bin ich ihr aber im Rahmen eines "normalen" Familienlebens verpflichtet.

  • Ich war vor drei Jahren für ein Wochenende auf dem Bruderhof in Sannerz. Als Besucher wird man von den leitenden Leuten freundlich betreut, jedoch echten Kontakt zum Fußvolk zu bekommen war nicht möglich.


    Man muss sich dabei bewusst sein, Bruderhöfe sind anders als Hutterer zentral organisiert. Aber um ein Bruderhof zu erleben, muss man wohl in die USA fahren. Denn die „Fillialen“ in Deutschland haben, wenn ich es richtig verstehe, eine andere Aufgabe.

  • Man muss sich dabei bewusst sein, Bruderhöfe sind anders als Hutterer zentral organisiert. Aber um ein Bruderhof zu erleben, muss man wohl in die USA fahren. Denn die „Fillialen“ in Deutschland haben, wenn ich es richtig verstehe, eine andere Aufgabe.

    Die besonderen "Aufgabe" der Filialen in Deutschland würde mich aber auch interessieren