Pferdekraft für moderne Landmaschinen

  • Forums-Mitglied Eifellander fragte, wie die Amischen ihre Erntearbeiten verrichten. Die Antwort ist einfach: per Pferdekraft. Das ist das, was man auf Bildern und Videos leicht sieht. Auch historische, bodengetriebene Geräte sind durchaus noch im Einsatz (Walzen, Eggen, Heuwender). Doch die werden so nicht mehr hergestellt.


    In etlichen Bereichen sind die Amischen trotz der nostalgischen Optik innovationsorientiert. Damit auch zeitgemäße Erntemaschinen (John Deere, New Holland) laufen können, werden mobile Dieselmotoren zwischen Pferdegespann und moderne, handelsübliche Landmaschinen gekoppelt. Ich staune immer wieder, was man mit Pferden und Maultieren so alles ziehen kann.

    Edited 5 times, last by gisela ().

  • Die Amsich sind wirklich einmalig! Sieht echt lustig aus, aber scheint kompatibel. Das gefällt mir so an den Amischen: sie sind innovativ, haben aber ihre Linie, dsie sie strikt einhalten. Danke für das Bild!

  • Grüß Gott zusammen,


    Vielen Dank Gisela für die Eröffnung dieses neuen Threads. Nach dem Ansehen der Fotos tauchen für mich aber schon wieder neue Fragen auf : Wie werden denn die Heu- oder Strohballen transportiert, die aus der Rundballenpresse kommen, die sind nämlich ziemlich groß und schwer. Gibt es dafür dieselbetriebene Lader ? Eins verstehe ich auch nicht, wenn Motoren eingesetzt werden, entsteht doch auch eine Abhängigkeit von externen Energien, ebenso beim Gas.
    Wenn ich richtig verstanden habe, kaufen die Amish ihr Mehl zum Backen größtenteils zu. Eine autarke Lebensweise ist also bei ihnen auch nicht mehr gegeben, zugegeben ist dies heute auch kaum noch möglich. Ich bin immer mehr der Überzeugung, das man, um sich ein wirkliches Bild vom Leben der Amish zu machen, sich vor Ort informieren muß. Es ist scheinbar dort auch vieles im Wandel begriffen und vieles wird nicht mehr einheitlich gehandhabt.

  • Hallo Eifellander, möchtest Du nicht eine kleine Exkursion für (Ex-)Landwirte ins Amish Country organisieren? Von mindestens zwei anderen Männern hier im Forum weiß ich, dass sie sich diese Lebensweise auch sehr gern einmal anschauen würden.


    Die Amischen sind keine einheitliche Gruppe, sondern inzwischen über 2.000 völlig eigenständige Gemeinden. Was rechts vom Gartenzaun gilt, kann links vom Gartenzaun ganz anders gehandhabt werden. Ihre vermeintliche "Autarkie" bei die Erzeugung von Nahrungsmitteln ist kein Selbstzweck, sondern angenehmer Nebeneffekt. Weizen bauen sie schon lange nicht mehr an, weil sie mit den Großerzeugern nicht konkurrieren könnten. Aber Mais, Hafer und Heu werden für die Pferde gebraucht. Die Großballen werden z.B. mit Hydraulikliften transportiert. Gruß von Gisela

    Edited 4 times, last by gisela ().

  • Hier sieht man einen Ballenwickler in Aktion.


    Was Dich als ehemaligen Milcherzeuger vielleicht noch interessieren könnte, ist die Frage des Einstreus ohne eigenes Stroh: Altpapier heißt die Lösung. Fertig geschredderte Zeitungen gemischt mit Maisstroh sorgen für Kuhkomfort. Aber dazu habe ich leider noch kein Foto gefunden.

  • Sind die Ausmaße dieser Unkrautspritze nicht beeindruckend?


    Auch wenn es wegen der Pferde und der Trachten den Anschein haben mag, sind die Amischen nicht einfach auf dem Stand der Landtechnik von 1950 stehen geblieben. Sie tauschen sich auf Großveranstaltungen, Messen und über Fachzeitschriften aus und ändern daraufhin ggf. ihre Gemeindeordung in Halbjahrestakt.

    Edited 2 times, last by gisela ().

  • Grüß Gott zusammen,


    Zu dem Bild mit dem Güllefaß fällt mir nur auf, das ein verdorrter Baum neben dem Haus steht und das Blätterwerk im Vordergrund nicht so recht ins Bild paßt. Wo soll denn der zugehörige Baum stehen, wenn dort der Güllekeller ist ? Wird die Pumpe auch per Dieselmotor betrieben ? Sicher wird ein Motor für etliche verschiedene Arbeiten eingesetzt ? Was geschieht, wenn zwei solcher Gespanne sich auf der Straße begegnen, wird es dann nicht eng ? Das Ganze würde ich wirklich mal gerne in Aktion sehen, auch den Ballenwickler und die Feldspritze.

  • Irgendwie entsteht hier gerade ein etwas verqueres Bild der Landwirtschaft der Amischen, bzw. der Landwirtschaft mit Pferden. Besser müsste man noch sagen mit Zugtieren, denn in Belize werden wohl überwiegen Rindergespanne eingesetzt.


    Es ist nicht so dass alle landwirtschaftlichen Geräte mit Vorderwagen mit Aufbaumotoren betrieben werden.


    Viele Geräte laufen noch über Bodenantrieb und werden auch weiterhin neu produziert.


    Einen Überblick kann man sich auf auf den Seiten der Horse Progress Days verschaffen. Siehe http://www.horseprogressdays.com


    Einige Beispiele:


    Pequea baut Mistreuer und Heuwender mit Bodenatrieb.


    I&J (Amischmanufaktur) baut viele Geräte mit Bodenantrieb. Gerade sind 2 Geräte neu auf den Markt gekommen, die Mähmaschine mit Bodenantrieb und der „Heavy Duty“ Vorderwagen mit Bodentrieb. Letzterer ist sogar in der Lage eine Hochdruck-Heupresse mit Bodenantrieb zu betreiben. http://www.farmingwithhorses.com


    [Blocked Image: http://www.farmingwithhorses.com/sites/default/files/imagecache/800wide/Picture%20036.jpg]



    Dann sei die Firma White Horse Machine aus Gap in PY genannt. Diese Amischmanufaktur baut Pflüge und
    Vorderwagen. Ihre Besonderheit ist die die Speicherung von Zugkraft mittels Hydraulik um die Zugkraft bei stehendem Gespann abzurufen. Eine Technik die bis auf Ausnahmen in Europa nicht zu Anwendung kommt.


    Dann sei die größte Amischfirma genannt, www.pioneerfarmequipment.com! Viele Geräte , vor allem für die Bodenbearbeitung sind bodengetrieben. Wie man aus dem umfangreichen Katalog ersehen kann.


    Zu den Motorvorderwagen sei zu sagen, dass man Landwirtschaft nicht aus ein paar einzelnen Bilder verstehen kann. Man muss ganze Produktketten verstehen vom Pflügen über Eggen und Säen, Pflegen Ernten und Lagern und letztendlich Düngen.


    Die Ernte bedeutet die höchste Arbeitsspitze im bäuerlichen Jahreskreis. Warum soll ich dann in dieser Zeit nicht einen Motor nutzen um die Spitze abdecken zu können? Das ist in der Regel wirtschaftlicher als wenn ich evtl. über das Jahr 4 weitere Zugtiere füttern müsste nur um die Spitze abzudecken. Dabei sei zu bedenken, dass der Treibstoff in den USA viel günstiger ist als in Europa.


    Selbst wenn man Förderbänder oder Gebläse mit einem Motor betreibt (Druckluft, Diesel) kann man im Falle einer nicht zu Verfügung stehenden fossilen Kraftquelle leicht durch eine pferdebetriebene Tretmühle ersetzen….
    Siehe hier: http://www.youtube.com/watch?v=F2vr7h0TUcA




    Dazu fällt mit gerade da Zitat von Kraybill ein: Die
    Amischen sind so weit zurück, dass sie uns schon wieder voraus sind.


    Zu dem Jauchefass sei noch zu sagen, dass dieses eine bodengetriebene Pumpe hat und etwa 5000 Liter fasst. Und dass sich zwei solcher Gespanne auf der Straße begegnen kommt eher selten vor weil die Amischfarmen arrondiert sind und die Gespanne quasi direkt vom Hof auf den Acker fahren.



    In diesem Sinne !

    ... mit Pferden arbeiten .....

    Edited once, last by Fuhrmann ().

  • Danke Fuhrmann für den Beitrag und natürlich auch Dank an Gisela!


    Die gesammte Agrikultur der Amischen finde ich schon sehr faszinierend, vor allem (wie in den vorigen Beiträgen erwähnt) da sie ebenfalls in ständiger Entwicklung ist. Nunja auch eine amische Bauerei muss eben wettbewerbsfähig bleiben und ein Einkommen sichern.


    Für mich war neu, dass es bereits Vorderwagen gibt die durch Bodenantrieb in der Lage sind schwerere Maschinen, wie eine Ballenpresse anzutreiben - Respekt! Weis man ob solche Vorderwagen auch in Deutschland erhältlich sind?


    Eines möchte ich noch anfügen zu der Eingansfrage wie die Erntearbeit verrichtet wird. Die Kraft der Zugtiere ist dabei natürlich unerlässlich, genauso wie in liberaleren Gemeinden Dieselmotoren oder Traktoren die stationär für den Antrieb diverser Maschinen genutzt werden. Aber es bleibt immer noch viel schwere Arbeit für die Hände der Farmersfamilien...


    http://www.amishphoto.com/images/image_pages/3356.htm


    http://www.amishphoto.com/images/image_pages/1500.htm




    Viele Grüße!

  • Griass eich mitanaund!
    Fuhrmann !
    Danke für Deinen ausführlichen Beitrag.Nun glaubt mir Gisela endlich dass bodenbetriebene Geräte wieder im kommen sind und nicht ins Museum gehören.
    @ Eifellandbauer!
    Auf Youtube gibt es jede Menge Filme über die Horse Progressday`s usw...
    das Magazin" Starke Pferde" würde ich Dir gerne empfehlen,es wird immer über die neuesten Geräte und über ihre Funktionszufriedenheit berichtet.
    Könnte sein dass du wieder Lust auf natürliche Landwirtschaft bekommst.


    Grüsse von Spyder.

  • Danke Sebastian, Fuhrmann und Spyder für die vielen guten Informationen! 2010 waren die beeindruckenden Heavy-Duty-Vorderwagen in Wisconsin wohl noch nicht angekommen, aber dort gibt es auch viel schwieriges, hügeliges Gelände.


    Wie lange veranschlagt Ihr beide für das Anschirren eines Sechsergespanns wie vor dem Jauchefass? Ist das in einer Stunde zu schaffen? - Und hier kommt noch ein schönes Bild vom Ausbringen moderner Düngemittel(?)

    Edited once, last by gisela ().

  • Gisela,


    diese Pauschalierungen sind immer schwer....es kommt auf die Umstände an, wo stehen die Pferde in welchem Zustand und wo das Jauchefass und welche Vorrichtungen habe ich zum Anbinden und wo sind die Geschirre.


    So wie ich Amischfarmen kennen gelernt habe würde ich den Six-abreast in einer halben Stunde anspannen.


    Und der "Düngemittelausbringer"


    [Blocked Image: http://www.dangerouscreation.com/wp-content/uploads/2012/02/Amish2.png]


    ist eine Sämaschine !

    ... mit Pferden arbeiten .....

  • Ganz herzlichen Dank, lieber Fuhrmann, für die Korrektur. Ich habe sogleich Bild und Text im vorigen Post verändert. (Als Großstadt-Bewohnerin bin ich leider auf Bildunterschriften angewiesen.) Kannst Du erkennen, ob das wirklich Flüssigdünger ist oder vielleicht eher ein Pflanzenschutzmittel?

  • Bei uns hier werden Flüssigdünger und Pflanzenschutzmittel mit dem gleichen Gerät ausgebracht.
    Da Amische eher mit Mist als mit gekauftem Dünger düngen, vermute ich dass es ein Pflanzenschutzmittel ist.


    Die Fotografen werden auch nicht immer Landwirte sein und die Bildunterschriften werden dann eher mal Vermutungen sein.


    Noch mal ein Nachtrag zu dem Six-abreast vor dem Jauchefass, es muss nicht zwingend auf einer Amischfarm aufgenommen sein. Im Moment wächst wohl der Markt nichtamischer Pferdefarmen stärker als die Amischfarmen.

    ... mit Pferden arbeiten .....

  • Grüß Gott zusammen,


    Vielen Dank für die vielen aufschlußreichen Beiträge, allerdings ist mir einiges noch nicht so recht klar, denn ich glaube kaum, das man über Bodenantrieb eine Ballenpresse betreiben kann, die braucht in der Regel 540 UpM auf der Gelenkwelle und je nach Durchsatz einiges an Kraft, um die Schwungscheibe in Gang zu halten. Genauso wird es dem Pferd auf der Tretmühle schwerfallen, eine entsprechend starke Maschine anzutreiben.
    Ich meinte bei der Güllepumpe auch nicht die Pumpe am Faß, sondern die um das Faß zu befüllen. Aber das hat man früher hier auch noch per Handpumpe hingekriegt. Ich selbst kann mich auch noch an einige bodenbetriebene Erntemaschinen erinnern, auch Kartoffelroder zum Beispiel. Egal wie, diese Art von Landwirtschaft ist sehr arbeitsintensiv und wird es bleiben, man denke auch an die ganze Arbeit und die Kosten mit den Zugtieren. Es ist und bleibt ein hartes Brot, aber wenn Familie und Gemeinde gut harmonieren, macht es sicher heut auch noch Freude.

  • Eiffellander


    ja mit dem glauben das ist so eine Sache, ich glaube auch nur an Gott, alles andere will ich erst sehen !


    Auch das Heu pressen via Bodenantrieb:



    Es gibt aber auch Pressen bei denen der Antrieb direkt über das Rad der Presse realisiert ist !

    ... mit Pferden arbeiten .....

  • Grüß Gott zusammen


    und vielen Dank Fuhrmann für deinen aufschlußreichen Beitrag ! Das ist schon ne tolle Sache, die Funktionsweise der Presse ist mir allerdings noch immer nicht ganz klar bezüglich der Kraftübertragung. Die Schwaden sind nicht allzu dick und breit und das Tempo ist naürlicherweise nicht allzu hoch, aber trotzdem alle Achtung ! Wir haben bei uns auf dem Hof früher ( 70er und 80er Jahre ) fast jedes Jahr 10.000 dieser Ballen an Heu, Krummet und Stroh gepresst und alles von Hand geladen, aber beim Abladen hatten wir meist ein Förderband zur Hilfe. Trotzdem war es immer eine schweißtreibende Arbeit, die ganzen Ballen bis unters Dach in jede freie Ecke zu verstauen.
    Auf der ebenen Fläche scheint das mit den Pferden gut zu klappen, aber mich würde interessieren, wie es den am Hang aussieht, die Presse hat schon einiges an Eigengewicht, da ist eine Wende am Hang sicher nicht so einfach.
    Ich habe allerdings noch nie mit Pferdegespannen gearbeitet, deshalb will und kann ich mir kein Urteil erlauben.