„in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt zu sein“

  • Die Amischen sagen ja über sich selbst:
    „in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt zu sein“.
    Aber was genau meinen sie damit? Und wie steht das im verhältnis zu ihre Glauben?
    Kann mir das jemand etwas genauer erklären?
    Danke =)

  • Liebe Helle, wo sagen die Amischen dies denn über sich selbst?


    In der Bibel gibt es einige Stellen, in denen eine Distanz zur Welt benannt wird: 2. Kor 16,17.18; Röm 12,2; Joh 17,14; 1. Joh 2,15.16. Lass mich wissen, wenn Du noch weitere Stellen benötigst. Auch in den anderen Weltreligionen wird eine solche paradoxe bzw. dialektische Position gepflegt: von hinduistischen Sadhus, in buddhistschen Klöstern, in islamischen Sufiorden, bei orthododen Juden und in manchen christlichen Sondergemeinschaften. Grüße von Gisela

  • Aber was genau meinen sie damit? Und wie steht das im verhältnis zu ihre Glauben?
    Kann mir das jemand etwas genauer erklären?

    Das bedeutet bei den "Amischen", um es extrem vereinfacht und unkommentiert auszudrücken: daß der Christ im Reich Gottes aktiver Bürger, im politisch/weltlichen Reich aber möglichst unbeteiligter Bürger ist.


    Eines der deutlichsten Zeugnise dieser Haltung bei den Amischen ist, die Wehrdienstverweigerung.

  • Danke, lieber Fasel, für diesen wichtigen Hinweis!


    Vielleicht magst Du, liebe Helle, auch noch einen Blick auf die Lehre von den Zwei Reichen (Zwei-Schwerter-Theorie, Zwei-Regimenter-Lehre) werfen, oder auf die etwas prägnantere englische Version. Auch Donald Kraybills "The Upside-Down Kingdom" wäre passende Literatur zu Deiner anspruchsvollen Frage.


    An Quellen und Sekundärmaterial mangelt es nicht, aber benötigst Du das für Deine Frage nach einer vorbildlichen christlichen Lebensweise wirklich?

    Edited 9 times, last by gisela ().

  • Wobei da Vorsicht geboten ist, die lutherischen Zwei-Reiche-Lehre kennt den Gerechten Krieg, mir ist keine amische Gemeinde Bekannt die vorsätzlich eine solche gewollt-gespaltene Persönlichkeit für rechtens hält.

  • Lieber Fasel, Dein Zitat findet sich in einem mennonitischen Artikel, der die Lehre von den beiden Regimentern nicht den Lutheranern oder Katholiken überlassen möchte:


    "Die mennonitische Zwei-Reiche Lehre: Obwohl sie niemals ausdrücklich formuliert wurde, hat sie Vertreter vom frühen Täufertum bis in die Gegenwart. Sie besagt, dass der Christ im Gottesreich aktiver Bürger, im politisch-weltlichen Reich aber möglichst passiver Bürger ist. Sie vertritt im Wesentlichen eine „Rettungsboot-Erlösungslehre“, die davon ausgeht, dass die Gemeinde an dieser Welt nichts auszubessern hat, ja dass es sich bei Staat und Gesellschaft um ein unweigerlich sinkendes Schiff handelt, bei dem die Rettung ausschließlich im „Abspringen“ und „Aussteigen“ besteht."

  • Diesen Artikel kannte ich noch nicht, aber wohl Quellen aus denen bei dessen Erstellung geschöpft wurde.

    Im zitierten Text sind durchaus Züge der Amischen zu erkennen. Die aus der Zeit stammen in der sie unter einer anarchistischen Obrigkeit lebten. Die wie vieles was damals überlebenswichtig war, heute abgelegt gehören.

  • Liebe Helle,


    für die Beschreibung einer vorbildlichen christlichen Lebensweise kommst Du um das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi kaum herum, denn "... dein Reich komme ..." ist eine zentrale Bitte im Vaterunser. Deine Aufgabe könnte sein, Merkmale jener Lebenweisen zu benennen, die dieser Bitte entsprechen. Allerdings beanspruchen außer den Old Order Amish auch noch ein paar andere Gruppen, dass ihre Lebensweise vorbildlich sei (z.B. Amtskirchen, Freikirchen, Pfingstgemeinden, Quäker, Mormonen, Adventisten, Christliche Wissenschaft, Christengemeinschaft).

  • Grüß Gott zusammen,


    Seit kurzem bin ich neu hier im Forum und grüße euch zunächst mal alle herzlichst. Ich habe den Wunsch mehr über die Lebensweise, Religion und Weltanschauung der Amish zu erfahren. Selbst bin ich 2004 aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil einfach einfach viele Aspekte des Glaubens nicht mehr übereinstimmen. Mir gefällt die einfache, glaubenstreue Lebensweise der Amish, tue mich aber generell mit Religionen schwer, weil sie oft ausgrenzend und selbstbezogen sind. Man kann meines Erachtens, hier in Deutschland muß man es als Einzelner sogar, durchaus in der "normalen", halt existierenden Gesellschaft leben und dabei doch seinen eigenen Glauben leben. Es ist schwieriger und oft frustrierend, auch weil der Gemeinschaftssinn leider nicht besteht, doch gerade hier kann ich durch eine vorbildliche Lebensweise doch etwas zur Verbesserung beitragen. Außerdem können die Amish ja auch nicht so ganz außen vor bleiben, sie müssen doch sicher auch Steuern, Abgaben und Beiträge zahlen, unterstehen der Gerichtsbarkeit, können wählen gehen usw., das heißt irgendwie müssen sie sich ja auch mit der restlichen Gesellschaft und insbesondere dem Staat arrangieren, oder sehe ich das falsch ?

  • Willkommen, liebe Eifellander, hier im Forum! Du bist ja ein beeindruckender Frühaufsteher, worauf übrigens auch viele Leute in Sachsen-Anhalt Wert legen.


    Woran der Mensch glaubt, dass ist eine Sache zwischen ihm und Gott (Röm 3,28 ); aber wie jemand seinen Glauben und den Zweifel lebt, das hat Auswirkungen auf die Mitmenschen (Jak 2,26). Staatliche Leistungen nehmen die Old Order Leute so selten wie möglich in Anspruch. Kranken- und Rentenversicherungen sind in den USA eh kaum bekannt, denn das bleibt der klugen Vorsorge des Einzelnen überlassen. Doch kann jeder Einzelne ganz schnell durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit ins Schlingern geraten, wenn ihm weder Vermögen noch familiäre Unterstützung zur Verfügung stehen.


    Deshalb praktizieren die Amischen viele Dinge innerhalb ihrer Familien, die auch in katholischen Orden oder evangelischen Schwesternschaften gelebt werden: Tägliche Andachten und Gebete, regelmäßge Gottesdienstbesuche, Hilfe auf Gegenseitigkeit, einheitliche Tracht. Sie zahlen Steuern, dürfen wählen und unterliegen der Gerichtsbarkeit. Denn in dieser Welt orientieren sich die Amischen ebenso wie alle Christen am mächtigsten aller Herrscher: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet (Röm 13,1).

    Edited 2 times, last by gisela ().

  • Rückzug von der Welt ist nicht die Lösung. Luthers Zwei-Reiche- und Regimente-Lehre auch nicht.


    Die Amischen leben letztlich nicht vollkommen zurückgezogen, sondern in dieser Welt mitten unter anderen. Sie leisten Nachbarschaftshilfe und helfen, wenn irgendwo Not im Lande ist, sei es finanziell oder mit harter Hände Arbeit.
    Die Amischen Sagen nicht als Christ bin ich gewaltlos und als Staatsbürger folge ich dem Ruf an die Waffe, denn sie lehnen tötende Gewalt im ganzen ab.

    Nur stammt das Handeln der Amischen aus einer Zeit, die von absoluten Herrschern regiert wurde. Aus einer Zeit, in der die Täufer noch blutig verfolgt wurden.
    Welt und Wissen hat sich inzwischen geändert, sich allein tötender Gewalt zu enthalten, ist ein erster Schritt, aber noch nicht die gebotene Lösung. Es gilt, zu diesem Schritt präventive Gewaltverhinderung zu betreiben. Konfliktlösung und Mediation. Gewaltlose Friedensstifter sollen Christen sein (was nur durch Einmischen geschehen kann).


    In der Erkenntnis das Gott den „Gewalttod“ Jesu weder gewollt noch gefordert, dieser keine erlösende Wirkung hat, er ganz und gar überflüssig ist, baut die theologische Lehre eines gerechten Pazifismus, der Gewalttätigkeit nicht nur aus dem Weg geht, sondern ihr vorbeugt, auf.


    Gewalt, erst recht tötende Gewalt, ist nicht nur sinnlos, sie läßt die Spirale der Gewalt immer weiter drehen. Um diese Spirale zu durchbrechen, ist Gewaltloses Handeln in die Welt zu tragen. Da ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder männlich noch weiblich …, — steht irgendwo geschrieben — alle sollen in den Genuß eines Lebens ohne Furcht kommen.

  • Genau, lieber Fasel! Bei allen Alltagsentscheidungen, die Religions-, Vermögens-, oder Geschlechterverhältnisse betreffen, könnte ein Blick auf die von Dir zitierte Paulus-Stelle (Gal 3,28 ) viel Segen spenden.


    Der kleine, große Wittenberger hat wirklich eine Menge geschrieben und gesagt, aber gönnst Du ihm hier nicht doch ein wenig viel der Ehre? Denn Luther hat selbst nie von einer "Zwei-Reiche-Lehre" oder ähnlichem gesprochen und keine systematische Religions- bzw. Kirchen- und Staatstheorie entworfen.

    Edited 3 times, last by gisela ().

  • Liebe Helle,


    jeder Einsatz für den Frieden, und darauf kann Fasel gar nicht oft genug hinweisen, zählt zu den vorbildlichen Seiten einer christlichen Lebensweise, ebenso auch die Werke der Barmherzigkeit. Doch es dürfte nicht ganz einfach sein, das in einer Prüfungspräsentation darzustellen.

    Edited 2 times, last by gisela ().

  • Da hast Du schon Recht. Nur ist es so, daß man es aus heutiger Sicht als eine solche zusammenfaßt. Eine berechtigte Frage ist, wären die beiden großen Kriege im 20igsten Jahrhundert auf europäischem Boden so leicht anzufangen gewesen ohne Luthers „Untertänigkeits Auslegung“. Ist der Pastor im Ruhestand* und jetzige Bundespräsident Gauck, der vom Gerechten Krieg spricht, nicht auch ganz und gar in der Linie der Confessio Augustana – auf Luthers Fußstapfen?


    Es ist notwenig hier auf obiges zu Antworten, auch wenn ich es als Frage gestellt hab. Ich wußte nur nicht wie ich es sonnst hätte schreiben können. Lesenswerte Antworten zu letzterem gibt es z.B. hier … und hier ... oder hier ...




    *oder wie man einen solchen auch immer nennt.

  • Danke, lieber Fasel, für die aktuellen Hinweise!


    Aber wiederstrebt es nicht Deinem täuferischen Sinn für geschichtliche Genauigkeit, Martin Luther etwas in die Schuhe zu schieben, was eher von Paul Althaus (Luther und das Deutschtum, Leipzig 1917) stammt? Und die drei Worte "Gott mit uns" auf den Koppelschlössern der Waffengürtel beider Weltkriege haben wahrscheinlich mehr Schaden angerichtet als Luthers Schrift "Von weltlicher Obrigkeit, wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei" von 1523, die nur einige wenige Theologen kennen.

  • Hier findest Du eine kleine Zeittafel. Es war eine Menge los in diesen Jahren. Wenn die Zahnpasta erst einmal aus der Tube ist, dann kriegt man sie nicht wieder hinein.

  • Grüß Gott Gisela,
    meine Hochachtung für deine Bibel-Kenntnisse, diesbezüglich bin längst nicht so ferm wie du. Will es aber auch nicht sein, da die Bibel von Menschenhand geschrieben wurde und der Mensch kann irren. Dies steht sicherlich total gegensätzlich deiner Auffassung, aber ich bin nun mal überzeugt, das nicht alles stimmt, was in der Bibel steht. Und mit dem was im Römerbrief über Gehorsam dem Staate gegenüber steht, da kann ich nur widersprechen, denn keine Regierung ist von Gott eingesetzt, alle sind von Menschenhand geschaffen. Meiner Überzeugung nach haben wir als Christen sogar die Pflicht gegen politische Mißstände vorzugehen, natürlich möglichst ohne Gewalt. Wir sind lange genug in der Geschichte den weltlichen Herrschern wie Schafe hinterher gelaufen und haben uns alles gefallen lassen, das kann nicht gottgewollt sein. Gerade die " Urväter " der Reformation Hus, Calvin, Zwingli und Luther haben den Mut aufgebracht gegen die Obrigkeit anzugehen, das wäre heute ebenfalls nochmal an der Zeit. Die Amish leben sicher beispielhaft, aber ist da nicht auch ein bißchen Scheuheit vor dem Konflikt dabei ?